Von Titisee nach Reiselfingen (DeTour.2021.3)

Obere Wutachschlucht - © Christoph Bücheler | MonacoTrail (alle Fotos)

Dritte Etappe auf dem Querweg, vom Hochschwarzwald hinein in die kaum gezähmte Wildnis der Wutachschlucht, ein besonderes Erlebnis, wenn auch anders als erwartet. Und wieder einmal geraten wir überraschend in ein Rennen...

Als wir aufbrechen, ruht der Titisee und sein Urlaubsleben noch weitgehend. In der Morgensonne steigen wir zunächst, teils recht steil, hinauf zum Hochfirst, dem höchsten Punkt des Querwegs (1190 m). Hütte und Turm haben noch geschlossen, auch sonst kaum ein Mensch unterwegs hier in diesen weitläufigen, nun schon sehr nordisch anmutenden Wäldern. Ein Blick zurück über den Titisee, dann steigen wir lange und sacht nach Kappel ab.

In die Waldstille bricht plötzlich eine Enduro-Maschine, die auf uns zubraust und neben uns anhält. Was willst du? Das Schild "Orga" macht uns stutzig. Ob wir wüssten, dass hier gleich ein Mountainbike-Rennen vorbeikommt, so 300 bis 400 Fahrer? Gleich heißt in fünf bis zehn Minuten. Alles klar, wir sind bereit ins Gebüsch neben dem Weg zu springen. Die Vorhut braust weiter und nach einer Kurve treffen wir auf einer Wegkreuzung auf weitere Mitglieder der "Orga", die hier auch einen Harvester der Forstbetriebe aufgehalten haben. Es handelt sich um den "Rothaus Bike Giro Hochschwarzwald", eine viertägige und wohl durchaus bedeutsame Tour für Profis und Amateure, heute ist die zweite Etappe. Während wir uns das erzählen lassen, taucht die Spitzengruppe aus dem Wald auf, in Führung liegend Simon Stiebjahn der Lokalmatador vom Titisee, an dritter Position das Gelbe Trikot, Ian Millenium aus Dänemark. Millenium wird Etappe und Tour gewinnen, Stiebjahn jeweils Zweiter werden. Vor Jahren standen wir einmal bei der Deutschlandtour am Straßenrand bei Plauen. Da war das beste die Werbekolonne, die uns mit Käse für den ganzen Resturlaub versorgte. Werbekolonne gibt's hier nicht, dafür schöne Eindrücke eines matschigen Rennens. Und wir erinnern uns daran, wie wir vor vier Jahren bei Courmayeur in einen riesigen Berglauf geraten sind, bei dem wir auch noch irgendwie mitlaufen mussten...

Der Weg in die Schlucht

Eine Weile später treten wir aus dem Wald hinaus ins Hochtal von Kappel und können in der Ferne den Feldberg sehen. Direkt am Weg liegt das Gasthaus Blume, eigentlich ein Muss für eine Einkehr, ein echtes Kleinod und Gesamtkunstwerk aus Haus, Gaststube und üppigem Stauden- und Blumengarten. Die frische Bohnenrahmsuppe passt dazu.

Dann zieht der Weg allmählich in die Wutachschlucht hinunter und der Wald beginnt uns wieder aufzunehmen. Beim Einstieg in die Schlucht kommt eine geleitete Jugendgruppe heraufgestapft, schwer bepackt und mit verdrossenen Gesichtern. Ich schnappe nur auf, wie die "Chefs" sich kurz darüber austauschen, dass hier tatsächlich "Naturschutzgebiet" stehe. Haben sie das nicht gewusst? Wollten sie in der Schlucht ein Zeltlager abhalten? Hat ein Ranger sie vertrieben? Was war denn das für eine Vorbereitung? - Alles freilich Spekulation, nachgefragt habe ich nicht aber wundern täte es mich nicht. Wild Zelten ist ja gerade wieder so was von angesagt, insbesondere an den empfindlichsten Naturorten...

Die Wutachschlucht ist ein phänomenaler Naturort, wenn auch anders als erwartet. Zumeist kein spektakulärer Canyon, wie viele Besucher vermutlich erwarten, sondern eine vielgestaltige, struktur- und extrem artenreiche tiefe waldige Kerbe in der Landschaft, zumeist nur von schmalen Fußpfaden zurückhaltend erschlossen und kaum gezähmte Wildnis. Auf dem heutigen Abschnitt bis unterhalb der Schattenmühle wird das nur abschnittsweise richtig erlebbar, zwischendrin gibt es längere Wegepassagen auf Wirtschaftswegen hoch über der Schlucht, die einmal, zur Umgehung eines Seitentales, fast wieder ganz hinausführen. Aber dann gibt es wieder Stellen, wo man glaubt, ganz weit weg, womöglich auf einem anderen Kontinent zu sein, der noch mehr von solchen Naturlandschaften beheimatet.

Lange Zeit gab es Pläne, die gesamte Schlucht für die Stromgewinnung einzustauen. Das erinnert uns an unsere Tour durch die Greina-Ebene in Graubünden, auch so ein Juwel, das die Energiewirtschaft gerne unter Wasser gesetzt hätte. Ein kleines E-Werk gibt es unterhalb des Hofguts Stallegg, dort finden aktuell wieder wasserbauliche Maßnahmen statt.

Bei der Schattenmühle kreuzt die einzige Straße die fast 30 km lange Schlucht, hier übernachten auch die meisten Querweggeher. Wir gehen noch ein Stückchen weiter ins Licht und steigen auf dem sehr steilen Reiselfinger Kreuzweg aus der Schlucht hinaus, machen Station im alten Dorfgasthaus Krone in Reiselfingen - wie lange es das noch geben wird? Die Zeit scheint hier fast stehengeblieben, aber immer noch ist es offenbar eine wichtige Anlaufstation für die Dorfgemeinschaft. Das schätzen wir.

 

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