Von Engen nach Steißlingen (DeTour.2021.6)

Hegaulandschaft, Blick zum Hohenstoffeln - © Christoph Bücheler | MonacoTrail (alle Fotos)

Sechste Etappe auf dem Querweg, eine abwechslungsreiche Vulkanpromenade im Hegau. Nur abschnittsweise auf dem Querweg, weil wir Singen umgehen wollen und etwas abkürzen.

Wir beginnen die Tour mit einer nochmaligen Runde durch die Altstadt von Engen, um nachzusehen, ob das malerische Städtchen vielleicht an einem Montagmorgen belebter ist. Beim Bäcker immerhin bekommen wir vorzügliches Gebäck aber sonst ist es auch um diese Zeit auffällig ruhig, fast unbelebt. Engen wurde ab Mitte der 1970er Jahre aufwändig saniert und konnte damit vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Sanierung ist auch wirklich gelungen, zumindest was den äußerlichen Eindruck angeht. Bleibt zu hoffen, dass all die schmucken Häuser auch wirklich bewohnt sind und vielleicht in manchem Büro gewerkelt wird. 

Im Vulkanparcours

Bis zum Hohenkrähen ist diese Etappe ein Bilderbuch der Hegaulandschaft. Einen Vulkan nach dem anderen kann man umfassend abschreiten (was viel Zeit erfordert) oder einfach auch nur die Szenerie en passant auf sich wirken lassen. Die Vulkane haben ihren Ursprung im späten Tertiär, das heutige Landschaftsbild ist Ergebnis der Eiszeiten im Quartär, als die Gletscher die Vulkane abschliffen und aus weicheren Gesteinsschichten herausmodellierten. Übrig geblieben sind eigentlich nur "Vulkan-Ruinen", von denen jede anders aussieht.

Der Querweg führt an der Westseite des Hohenhewen entlang, mit der Möglichkeit, Berg und Burg (844 m) zu besteigen. In Wanderberichten der letzten Tage war von schlammigen Pfaden die Rede, das hatten wir schon. Also wählen wir abweichend die Route am Ostabhang entlang: gute Wahl, weil schön zu gehen und fast immer mit viel Aussicht. Hier ist der Hegau eine abwechslungs- und strukturenreiche Kulturlandschaft, wie sie im Buche steht. Bei der Flurbereinigung in Welschingen wurde darauf geachtet, reichlich naturnahe Korridore in der Feldflur zu erhalten, das wird spürbar. Am Fuß des Philippsbergs schneiden wir den Querweg ab, der eine ordentliche Schleife über den Hohenstoffeln und rund um Weiterdingen einlegt, und folgen dem Obstbaulehrpfad parallel zum Mühlbach. Der scheint ein Kind der Flurbereinigung vor ein paar Jahren zu sein und wird offenbar nicht mehr wirklich unterhalten - schade. Der befestigte Wirtschaftsweg geht irgendwann in unbefestigte bis kaum mehr erkennbare Wegspuren über, was uns nicht stört und uns einen aussichtsreichen Aufstieg in Richtung Hegaukreuz beschert. Wir sind nun auf einer meist gänzlich unmarkierten Komoot-Route unterwegs und müssen neben dem häufigen Blick auf die Karte auch ein wenig unser Urteilsvermögen für vertrauenswürdige Wege aktivieren, es geht aber nur um kurze Verbinder.

Am Hegaukreuz treffen wir wieder auf den Querweg. Die Aussicht von dort oben ist wirklich wunderbar, rings in den Hegau und darüberhinaus. Im Norden leuchtet als kleiner weißer Punkt das Städtchen Aach aus dem Grün, nicht mehr weit ist es zum Hohentwiel im Süden. Dahinter sind die Schweizer Alpen nur wieder schemenhaft zu erkennen. Es geht weiter zum Mägdeberg, auch hier kann die Burgruine besucht werden. Am Hohenkrähen verschmelzen Felsunterbau und Burg zu einer einzigen kraftvollen Geste, darüber weht die badische Fahne. Er ist seit vielen Jahren eine sog. Jugendburg der Pfadfinder, auch aktuell gibt es ein Sommerlager mit Zelten vor der Burg, stimmiges Bild. Wir wollen das Treiben nicht stören, verlassen den Querweg, der weiter nach Singen führt, und steigen auf dem schmalen Pfad durch dichten Wald zur Straße ab, nun eingehüllt in eine Wolke von Mücken. Hier endet der idyllischere Teil der Wanderung zwischen den Hegau-Vulkanen.

Absteigen und Weitergehen

Unten finden wir uns wieder in einem von großen Straßen- und Bahnbauwerken zerschnittenen und von Intensivlandwirtschaft weitgehend ausgeräumtem Gelände, verlaufen uns kurz in einem übel stinkenden Bauernhof. Ein anderer Weitwanderer, der, im Rahmen einer größeren Tour, kürzlich auf dem Querweg zwischen Titisee und hier unterwegs war und dazu einen Text veröffentlicht hat, schrieb dazu: "Wir quälten uns durch landwirtschaftlich (aus-)genutzte Flächen, wichen schließlich vom Querweg ab und erreichten auf eigener Route [...] Wangen auf der Höri" (am Bodensee). Idyllisch dort, wie schon Hermann Hesse und andere wussten. Hat aber etwas von Rosinenpicken, was den weniger zimperlichen Akteuren in der Landschaft gerade recht kommt. Not my style. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Fußgänger, Wanderer müssen auch dort Präsenz zeigen, wo sie eigentlich nicht vorgesehen sind, als Stachel im Fleisch, als Störenfriede, die dafür sensibilisieren, dass jede Landschaft reich sein kann und nicht als Agrarwüste enden muss. Es braucht halt ein wenig Durchhaltevermögen. - Der Fuß- und Radweg an der Aach entlang, diesem erstaunlich wasserreichen Flüsschen aus geklautem Donauwasser, ist dann zwar sehr eben aber eigentlich schon wieder ganz nett zu gehen. Ab Beuren tritt dann eine Weile die B33 dominant in Blick und Gehör, bis wir, als wir wieder auf den Querweg treffen, in Richtung Steißlingen abbiegen.

Unser Durchhaltevermögen wird belohnt, als wir am Ortsrand von Steißlingen eine frisch gemähte Obstwiese passieren. Der Landwirt mit seinem kleinen Schlepper wendet am anderen Ende das Gras. Als er uns sieht, fuchtelt er wie wild mit den Armen und winkt uns zu sich herüber. Er will uns die Aussicht von der dortigen Hangkante zeigen, nach Radolfzell und zum silbrig schimmernden Untersee, nun wieder ein reiches Landschaftsbild. Wir kommen ins Gespräch. Die Eltern hatten noch einen winzigen landwirtschaftlichen Betrieb, hobbymäßig bewirtschaftet er weiter die verbliebenen Obstwiesen, pflanzt Apfelbäume für seine Kinder und verkauft den Wiesenschnitt als Bioheu. Als Landwirt könne er nicht mehr existieren heute, aber dennoch sei er Landwirt mit Leib und Seele. Die Landschaft kultivieren, bereichern, etwas aufbauen, das über die Zeiten trägt, nicht nur Natur gebrauchen, abnutzen, konsumieren. Seine Augen leuchten. Das sei auch ein Grund, warum wir zu Fuß reisen würden, ergänzen wir. Er grinst bis zu den Ohren, das habe er sich gedacht. "Wir sind uns einig!" ruft er zum Abschied.

 

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