Von Blumberg nach Engen (DeTour.2021.5)

Hegaulandschaft am Alten Postweg - © Christoph Bücheler | MonacoTrail (alle Fotos)

Fünfte Etappe auf dem Querweg, Sonntagsspaziergang hinaus in die offene Landschaft des Hegaus mit seiner Vulkankulisse. Und ein bisschen Trainspotting.

Wir haben den Schwarzwald verlassen und bewegen uns heute durch die äußersten südwestlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb, Randen und Hegaualb bis in den Hegau. Geologisch ist das ein echter Kulminationspunkt von tektonischem und erdgeschichtlichem Geschehen hier, doch die meisten streichen ja bekanntlich schon beim Stichwort "Südwestdeutsches Schichtstufenland" die Segel, also (fast) keine weiteren Vertiefungen. Diese sehr weit zurück reichenden Prozesse zeichnen sich an der Oberfläche heute meist auch nicht mehr besonders spektakulär ab, man muss schon genauer hinschauen oder regelrecht "lesen". Die Fortsetzung des Querwegs führt aus Blumberg hinaus gleich über den Buchberg, von dort oben könnte man zumindest den Zusammenhang in der Landschaft womöglich einigermaßen erfassen. Doch der Landregen hat erst am frühen Morgen aufgehört und der Berg ist noch ganz in Wolken gehüllt, als wir aufbrechen. Keine Aussicht, Programmänderung.

Eisenbahnnostalgie mit Beigeschmack

Sophie Scholl hätte dieses Jahr 100. Geburtstag feiern können. Das halbe Jahr (ab Okt. 1941) bevor sie nach München ging, verbrachte sie bei einem Arbeitsdienst als Erzieherin in Blumberg. Die Nazis machten aus dem Dorf in wenigen Jahren eine Bergbaustadt mit zehnfacher Bevölkerung. Kaum begonnen, wurde der Erzabbau wieder eingestellt und 94 % der Bevölkerung mitten im Krieg arbeitslos, die soziale Lage im Ort war prekär und explosiv. In dieser Zeit arbeitete sie in einem Kinderhort im Ortsteil Zollhaus und konnte hautnah erleben, wie zynisch gleichgültig diesem System menschliche Schicksale waren. Gleichzeitig rang sie innerlich mit ihrer Religiosität und spielte häufig Orgel in der Kapelle Mariä Heimsuchung in Zollhaus, um sich abzulenken und zu besinnen. Diese Kapelle steht noch, sie ist leider (oder aus gutem Grund?) nicht zugänglich, aber wir haben unseren Weg daran vorbeigelegt.

Am Bahnhof von Zollhaus erinnert eine kleine Gedenktafel an Sophie Scholl in Blumberg, recht unscheinbar fast auf Kniehöhe und mit Kabelbindern an ein Geländer fixiert, das den Bahnsteig vom Kinderspielplatz abgrenzt - das hat schon was und sagt etwas aus über Prioritäten. Denn eigentlich kommt man wegen etwas ganz Anderem hierher: der Sauschwänzlebahn. Die ist ursprünglich ein militärstrategisches Projekt aus dem späten 19. Jh., eine Bahnlinie im unteren Wutachtal, die den Höhensprung auf das Niveau des "Ur-Donau-Tals" von Blumberg in pittoresken Kehren, Schleifen und Viadukten auf kleinem Raum abwickelt. Doch heute fährt sie sonntags als Museumsbahn, von einer Dampflok gezogen - der perfekte Familienausflug für drei Generationen, Abfahrt Sonntag 10:10.

Als wir uns dem Bahnhof nähern, wird der Zug gerade bereitgestellt, große Kinder- und Väteraugen. Die lokale Bäckerdynastie Knöpfle hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt und gleich beim Bahnhof ihre Dependance "Jim Knöpfle" eröffnet: geniale Idee, der Laden brummt, aber auch zurecht (Mögliche Identitäts- und Rassismusdiskussionen blenden wir jetzt mal aus). Gut versorgt für den Tag steigen wir hinauf zum Trauf über dem Wutachtal zum "Vier-Bahnen-Blick", wo wir wieder auf den Querweg treffen und auf den dampfenden Zug warten. Hier hat man die beste Sicht auf die Windungen der Bahntrasse in der Landschaft, Gleisanlagen so malerisch und dicht wie in einer guten Modellbahnanlage. Eine Art Albulabahn en miniature. Für richtiges Trainspotting sind wir zu schlecht ausgerüstet, dennoch gibt sich das Zügle alle Mühe, sich fotogen in Szene zu setzen - heute an diesem schönen Punkt nur für uns!

Alter Postweg

Dann wird es Zeit, endlich Strecke zu machen. Erst auf einem weichen Waldpfad, dann auf Wirtschaftswegen nach Randen, fast an der Schweizer Grenze. Etwas weiter im Wald steht der "Blaue Stein", basaltähnliche Säulen, Zeugen des Vulkanismus in der Region vor rund 10 Mio Jahren, also noch nicht so lange her. Riedöschingen liegt in einer Talmulde zwischen Äckern und Wiesen, in der Fläche eines Blühwiesenprojekts steht die Wilde Möhre in voller Blüte und lockt zahlreiche Insekten an. Am Ende einer kurzen Waldpassage öffnet sich mit einem Schlag das Panorama in die Landschaft der Hegau-Vulkane, prima Pausenplatz.

Bis fast nach Engen gehen wir dann auf dem sog. "Alten Postweg", einer alten Route, die jüngst als Premiumwanderweg wieder auferstanden ist. So etwas zieht Leute an, auf einmal ist der Weg für eine Weile belebt. Die Aussicht ist bis zum Napoleonseck auch wirklich schön und der Weg bequem zu gehen, wenn auch etwas viel Schotterpiste für unseren Geschmack. Leider bleiben die Schweizer Alpen im Dunst verborgen. Dann senkt sich der Weg allmählich nach Engen. Nach dem Abendessen schlendern wir durch die kleine, unglaublich schmucke Altstadt. In den Straßen ist allerdings rein gar nichts mehr los, alles hat geschlossen, Leben ist allenfalls hinter manchem Fenster zu erahnen und das Städtchen wirkt fast, als sei es eigentlich nur eine Filmkulisse.

 

Tipp für die Übernachtung in Engen (wenn man nicht ins dröge Autobahnhotel will): Impulshaus Engen, ein inklusives Sozialprojekt für junge Erwachsene mit Gästehaus. Etwas Jugendherbergscharme, aber für Wanderer ein guter Ort und direkt am Querweg gelegen.

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