Wir verstehen Landschaftsarchitektur in ästhetischer Hinsicht nicht so sehr im Sinne von (statischen) Gartenbildern. Uns geht es eher um die (dynamische) Abfolge von Bildern, um die Sequenz und die Syntax. Oder einfach um die Gartenerzählung. Die Berücksichtigung der Zeit ist dabei ein wesentliches Gestaltungsmittel. Zeit des Werdens. Zeit des Vergehens. Der Rhythmus der Jahreszeiten, das Heranwachsen des Gartens über die Jahre. Aber auch schon sein Werden, die ersten Schnitte und Spatenstiche, der lange Weg, das beschäftigt und interessiert uns. Darum ist die Baustelle und ihr Geschehen selbstverständlicher Teil unserer Arbeit und Dokumentation, wie auch die Beobachtung des Wachsens des Gartens und seiner Veränderungen mit der Zeit. Die Bilder stellen sich dabei ein, aus ständig wechselnden Blickwinkeln und Zeitabschnitten.
Der Garten ist die Kontaktstelle des Stadtmenschen zur Natur. Hier kann er ihre Wechselwirkungen erleben, Einflüsse des Bodens, des Klimas, der Zeit, der Nutzung. Und ihren Stellenwert in der Gesellschaft erkunden, in Zuwendung, Würdigung und Verachtung. Seismographisch notiert der Garten alle winzigen Veränderungen der natürlichen und kulturellen Sphäre und bildet sie alsbald ab, ist somit ständiger Veränderung unterworfen. Der Garten ist nicht nur Garten sondern auch ein Stück Wildnis. Gartenwildnis.
Gartenwildnis? In der Literatur taucht der Begriff vereinzelt auf, meist im Sinne eines alten, verwilderten Gartens. Ein verwunschener oder verzauberter Ort der Märchen und Mythen. Oder von Erinnerungen, speziell an die Kindheit. Als solcher ist die Gartenwildnis ein, wenn auch rarer, Topos der Literatur des 19. Jahrhunderts. Aber auch schon vorher, in der Zeit der Aufklärung, findet sich die Vorstellung einer Gartenwildnis, an der Schnittstelle von kultivierter (Garten-)Landschaft zu idealisierter Natur(-wildnis).
Das eigene Bild von der Gartenwildnis ist ebenfalls geprägt von Kindheitserinnerungen, von Streifzügen an den Rändern, zwischen den Gärten und Häusern und der weiteren Landschaft draußen. Bachufer, Bahndämme, Lehmgruben, Müllkippen, Säume und vergessene Dickichte. Die Gartenwildnis als eine Rand-Erscheinung, eine Zone des Übergangs, der fortwährenden Veränderung, des Vagen und wenig Definierten, nicht in den Gärten, allenfalls an ihren Rändern, abseits, dicht daneben, einen Schritt weiter.
Die Verstädterung und Suburbanisierung unserer Lebenswelt geht einher mit der Zunahme solcher Säume und Ränder. Nicht nur außen herum, auch innerhalb des Siedlungsgeflechts nehmen die inneren Ränder zwangsläufig zu, werden länger und vielgestaltiger. Räumliche und soziale Randzonen, Nahtstellen, Durchgangsstadien. Kompostecken der Stadtentwicklung. Oft übersehen, wenig wahrgenommen, eher hingenommen, marginalisiert. Sie bilden ihr eigenes Geflecht, vitale Adern, die den urbanisierten Raum durchziehen, Wanderrouten, Einfallstraßen oder auch nur schmale Pfade der Wildnis.
Lebenswert wird die Stadt dort, wo Gebautes und Gewordenes nebeneinander, miteinander existieren, wo Garten und Wildnis sich begegnen. Wo der vitale Lebensraum der Gartenwildnis entsteht als eine mögliche Form unserer künftigen, zunehmend urbanen Lebenswelt. Eine Spur der wir folgen möchten.
Der Garten als ein der Wildnis abgerungenes und gegen sie verteidigtes Stück Land steht am Anfang unserer sesshaften Zivilisation. Ohne das Konzept des Gartens wäre diese Lebensweise nicht entstanden, ohne die Entwicklung der Technologien des Gärtnerns nicht erfolgreich geworden. Der Garten ist der Ort der Arbeit. Die Arbeit heißt: Säen, Verpflanzen, Wässern, Düngen, Ernten, Schneiden, Verjüngen. Kultivieren, Ordnen, Strukturieren, Unterscheiden, Scheiden.
Der Garten Eden ist eine Erinnerung und an uns überkommen als eine rhetorische Figur. Der Garten Eden ist die Wildnis, der Ort des Ungeschiedenen. Die Geschichte des Gartens ist eine Geschichte der Reflexion über das Verhältnis von Kultur und Wildnis, dabei wird Wildnis meist fälschlicherweise als “Natur” bezeichnet. Eine Geschichte der Nähe oder Ferne von Wildnis, mit wechselnden Distanzen.
Seit Beginn der Neuzeit wird diese Reflexion besonders aktiv betrieben. In Renaissance und Barock wird die Domestizierung der Wildnis zelebriert, in verschiedensten Facetten, von der Negierung bis zur Einverleibung. In der Aufklärung und der Zeit des Englischen Landschaftsgartens setzt sich ein Bewusstsein durch, dass die Phänomene der Natur weitgehend erforscht und gedanklich durchdrungen sind und die Wildnis damit dauerhaft beherrschbar geworden ist. Die Wildnis ist kein Wolf mehr sondern ein Hund und kann gezähmt und als dekorativer Begleiter in die Kulturlandschaft eingeführt werden. Auf dieser Grundlage werden in der Moderne alle Lebensbereiche, Lebensräume und Landschaften konsequent funktionalisiert, der Ackerbau ebenso wie die Organisation von Gartenräumen der Erholung in den Städten oder an fernen Küsten.
Gegenbewegungen, Reaktionen haben diese Entwicklung stets begleitet. Meist verklärende Momente von Wildnis als “Natur”, Erinnerungen an den Garten Eden eben. “Zurück zur Natur” hieß es immer wieder. Je mehr echte Wildnis (wildlebende Pflanzen und Tiere und ihre “natürlichen” Gesellschaften) aus der Landschaft verschwand, desto mehr Bedeutung gewann die “Natur aus zweiter Hand”, die Inszenierung von Wildnis bis hin zum “Naturgarten”, im Extremfall eine Wildnis als Garten, ein Wildnisgarten.
Die Natur ist nicht die Wildnis. Natur ist das Wirken universeller Kräfte. Natur bringt Wildnis hervor, wenn menschliches Handeln fehlt. Wildnis ist jenes Gesicht der Natur, das uns begegnet. Jenes Gesicht, das wir nicht selbst geformt haben. Wegen der Komplexität der Natur wird es uns niemals gelingen, überall nach “dem Rechten” zu sehen, so entsteht Wildnis ständig neu, täglich, an jeder Ecke, in jeder Pflasterritze, an jedem Gartenzaun.
Inzwischen wissen wir: Wildnis und Garten, beide sind Teil der Natur, den Gärtner eingeschlossen. Der kluge Gärtner kann die Zeichen und Botschaften der Wildnis lesen. Er hat die Wildnis studiert und weiß (einigermaßen), wie sich die Wildnis das Wirken der Natur zunutze macht. Er kennt die Stärken der Wildnis und wird versuchen, sie nicht zu verdrängen sondern sich mit ihr zu arrangieren. Er wird seine Gärten mit der Wildnis verweben, die Wildnis an seinen Gärten teilhaben lassen. Stellt er es geschickt an, arbeitet sie sogar daran mit.
Der Garten Eden bleibt eine ferne Erinnerung, keine Rückkehr möglich, der Mensch kommt ums Ordnen und Scheiden nicht mehr herum. Die Erinnerung muss aber nicht Projektionsfläche bleiben, sondern kann Teil der alltäglichen Erzählung sein. Garten und Wildnis verschränken sich zu einem dynamischen Geflecht. Der Gärtner ist nicht Regisseur sondern: Gärtner. Gartenhandwerker in der Gartenwildnis.
Christoph Bücheler