#MonacoLog: Infrastruktur

Grundschule Von-der-Pfordten-Straße, München-Laim - © Christoph Bücheler | MonacoTrail (alle Bilder)

Ein Gang stadteinwärts, um eine Fahrradklingel zu besorgen, eine kleine Sammlung von Bildnotizen zum Stand der Dinge, bevor wieder etwas weg oder anders geworden ist.

Ich wollte mir allerdings auch den Beginn der Arbeiten zur Verlängerung der U5 vom Laimer Platz nach Pasing anschauen. Die aktuelle Abholzung entlang der Gotthardstraße in Laim zerreißt einem das Herz. Hunderte von Bäumen zwischen Laimer Platz und Städtischer Baumschule sind weg, Kahlschlag, ja, anders ist es nicht zu bezeichnen. Ein paar wenige kleinere Bäume sollen noch verpflanzt werden - ob sich das lohnt, bei ihrem teils erbärmlichen Zustand? Aber es ist alles heikel genug, die Emotionen gehen hoch, was verständlich ist, wenn man die Gotthardstraße noch als teils sehr gut eingegrünte Straße in Erinnerung hat. Aber wir kriegen eine U-Bahn vor die Haustüre. Wie könnten wir in der Stadt leben ohne die ganze Infrastruktur? Der ganze heutige Weg in Richtung Hauptbahnhof wird begleitet von Einrichtungen und Begleiterscheinungen der Infrastruktur, da lohnt sich vielleicht einmal ein genauerer Blick?

U-Bahn

1988 erhielt Laim U-Bahnanschluss mit Endhaltestelle Laimer Platz. Seitdem wird die Verlängerung geplant, nun endlich konkret und geht in Bau. Bis zum künftigen Bahnhof Willibaldstraße wird sozusagen im Tagebau gearbeitet, mit offener Baugrube, fachlich heißt das Schlitzwand-Deckelbauweise. Dabei soll der Straßenverkehr erhalten werden, das braucht Platz - was hätten die Anwohner erst gesagt, wenn man den, zum Schutz der Bäume, unterbrochen hätte?
384 Bäume, die unter die Baumschutzverordnung fallen, wurden nun gefällt, dazu noch rund 300 kleinere. Wenn der Deckel drauf ist, in ein paar Jahren, wird es auch neue Bäume geben, es heißt, in annähernd der gleichen Anzahl. Bis die aber so groß sind wie die alten, wird es dauern, dreißig, vierzig Jahre... Ich werde es nicht mehr erleben. Und habe es versäumt, den alten Zustand festzuhalten. Immerhin erhält das Baureferat die Gelegenheit, die Standortbedingungen für die neuen Bäume besser zu gestalten als bisher. Man weiß inzwischen viel mehr über die Bedürfnisse und Wuchsbedingungen von Stadtbäumen, das wird der neuen Gotthardstraße zugute kommen. Bis dahin heißt es: durchhalten, auch in heißen, schattenlosen Sommern. Für die Anwohner wird das ein Selbsterfahrungstrip in Sachen Stadtklima. Ich werde mir das immer mal wieder anschauen.
An der Von-der-Pfordten-Straße wird es einen Info-Container zum U-Bahnbau geben, derzeit pandemiebedingt noch geschlossen. Interessierte können jedoch an einer digitalen Anwohnersprechstunde teilnehmen. Termine können unter Tel. (089) 233-61549 oder per E-Mail ubahn.bau@muenchen.de vereinbart werden.

Schule

Gleich nebenan liegt der Neubau der Grundschule an der Von-der-Pfordten-Straße (ehem. Camerloher Grundschule),  sieht vielversprechend und freundlich aus. 2014 wurde vom Stadtrat eine Schulbauoffensive beschlossen: für 114 Schulen wurden Bauprojekte genehmigt, für über 40.000 zusätzliche Schulplätze. Die Standorte kann man auf einer Karte des Baureferats sehen, über die ganze Stadt verteilt. Das Programm umfasst Neubauten, Umbauten, Sanierungen in allen Schulformen. Die alte Camerloher Schule war ein einfacher Bau aus der Nachkriegszeit, den heutigen pädagogischen und räumlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Die neue Von-der-Pfordten-Schule ist Anlaufstelle für eine gänzlich andere, viel buntere Schülergesellschaft. Sie ist nach dem erfolgreichen Münchner Lernhauskonzept konzipiert, das eine engere Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Nachmittagsbetreuern, Schülerinnen und Schülern ermöglichen soll. Dass man sich das Motto Miteinander gibt und plakativ vor die Schule setzt, nehme ich als Hinweis, dass integrierende Aufgaben in der Schule (und der Stadtgesellschaft insgesamt) nicht kleiner werden.
Der neue Schulgarten ist angelegt, aber noch nicht bepflanzt. Wird spannend, was da alles wachsen wird. Er liegt auf der Südseite, gleich neben der Mensa, der Sonne und Straße zu - gut so.

Siedlung

Bis 1890 war Laim ein winziges Dorf vor München. Dann kamen der Güter- und Rangierbahnhof, zeitweise der größte Europas, und seine Mitarbeiter. Dringend benötigter Wohnraum entstand in Siedlungen, die von Genossenschaften der Eisenbahner errichtet wurden, die Bevölkerung Laims verzehnfachte sich in kürzester Zeit. Das städtische Laim ist als Eisenbahnersiedlung entstanden. Die Wohnblöcke bestehen bis heute, sind bestens erhalten und prägen das urbane Gesicht Laims an Camerloher Straße und Laimer Platz. Ein Klein-Wien fast. Hundert Jahre später war der Genossenschaftsbau fast tot, politisch gewollt. Inzwischen erholt er sich wieder, aber er könnte noch weitere fördernde Weichenstellungen vertragen. Immerhin hat er in München einen guten Rückhalt.

Etwas weiter stadteinwärts, an der Ecke Westend-/Zschokkestraße befindet sich das ehemalige Tram-Depot und noch immer ein Busdepot der Stadtwerke. Das Tram-Depot ist bereits umgezogen, das Busdepot soll nach Moosach verlegt werden. Die Planungen für die Überbauung laufen, 850 Wohnungen sollen entstehen, der Bebauungsplan trat 2020 in Kraft. Angeblich sollen dort auch wieder (Eisenbahner-)Genossenschaften bauen können - das wäre eine schöne Tradition und so wichtig.

Kleingärten

Jenseits der Westendstraße, gleich hinter der am Wochenende eigenartig entmobilisierten KFZ-Zulassungsstelle, liegt „Land in Sonne“ - ein erstaunlich großes zusammenhängendes Areal von Kleingärten, etwa so groß wie der halbe Westpark. Einerseits ein Relikt der Arbeitervorstädte, andererseits eine Oase der Stadtökologie. München ist die dichtest besiedelte deutsche Großstadt mit der wenigsten Grünfläche pro Einwohner. Die ikonischen Parks Englischer Garten, Nymphenburg, Olympiapark täuschen leicht darüber hinweg. Die neuere Forschung belegt, dass insbesondere kleinere, in die Siedlungsstruktur eingemischte Grünanlagen, stadtklimatisch sehr bedeutsam sind. Kleingartenanlagen besitzen (inzwischen) eine weit höhere Biodiversität als die meisten umliegenden privaten und öffentlichen Grünflächen. Und in der Pandemie dürfte sich gezeigt haben, dass ihr Wert als Therapiestation für die Psyche nicht zu überschätzen ist. So berichten die Kleingartenvereine aktuell, dass sie ihre Wartelisten geschlossen haben. Schon bislang dauerte die Wartezeit für eine Parzellenzuweisung bis zu sechs Jahre, seit der Pandemie gibt es kaum noch eine realistische Chance, einen Garten zu ergattern (SZ 31.01.2022, R4).

Eine Gesellschaft, die nach Resilienz und stadtökologischem Ausgleich sucht, braucht diese Flächen. - Warum betone ich das? Kleingärten sind unter Druck geraten: dringend benötigte Bauflächen, Nachverdichtung, Binnenwachstum. Vor der Kulisse der Türme von ADAC und Fraunhofer-Gesellschaft und weiterer aktueller Hochhausbaustellen wird unmittelbar sichtbar, wie der Druck auf diese Manchen wertlos erscheinenden Areale zunimmt. Vielleicht muss man darüber nachdenken, wie man die manchmal noch arg abgeschlossenen Areale für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich und damit auch wertvoll macht. Dann werden sie erst recht unverzichtbar.

Alte Messe

Der Weiterweg führt über den Heimeranplatz, wo ebenfalls ein neuer Büroturm heranwächst und laut brüllt: Location, Location, Location! Was wäre sie wert ohne die Lage direkt am Mittleren Ring, S- und U-Bahnhof?- Alles öffentlich, also aus Steuergeldern finanzierte Infrastrukturen, die hier den Marktwert in die Höhe treiben. Gelegentlich sitzen dann in solchen Türmen Gesellschaften, die beraten, wie man sein Geld in Steueroasen transferiert...

Es ist nicht weit zum alten Messegelände, das den tiefgreifenden Transformationsprozess seit ein paar Jahren, mit der Verlegung der Messe nach Riem,  hinter sich hat. Eine nicht nur erfreuliche Gentrifizierung im Bereich des Wohnungsbaus (gated communities), aber auch Mehrwert für die Öffentlichkeit. In die denkmalgeschützten alten Messehallen ist das Verkehrszentrum des Deutschen Museums eingezogen und präsentiert die Geschichte der Verkehrsmittel und -infrastruktur. Der Bavariapark ist eine frei zugängliche Grünanlage geworden. Und die Theresienwiese unterhalb der Bavaria wird vermutlich auf alle Zeit eine kolossale Schotterwüste bleiben. Denn auch das braucht die Stadt, solche Leer- und Möglichkeitsräume, wie das jetzt heißt. Für die Möglichkeit, dort beispielsweise in einer Pandemie ein großzügiges Impf- und Testzentrum einzurichten. Auch das ist Infrastruktur.

Schließlich erreichen wir den Fahrradladen im Bahnhofsviertel, erwerben eine Klingel, eine recht laute, denn die braucht man inzwischen, und sonst noch ein paar Dinge, die das Alltagsradeln bei Wind und Wetter in der Stadt sicherer machen sollen. Am Holzkirchener Bahnhof steigen wir in die Tram, die nun seit 1908, also seit weit über 100 Jahren zuverlässig nach Pasing fährt. Heute ist sie besonders wichtig, weil die Stammstrecke der S-Bahn wieder einmal über das ganze Wochenende gesperrt ist. Warum? Bauarbeiten für die 2. Stammstrecke, die größte Infrastrukturmaßnahme der Stadt seit Jahren. Das wird nie enden.


Startpunkt: Tram 19, Lohensteinstraße (oder Willibaldplatz), Endpunkt Tram 18/19, Holzkirchener Bahnhof. Hier der Link zur Komoot-Tour:

 

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