Hand anlegen am Alpenhauptkamm. Diese Möglichkeit besteht bei der Begehung des "Sentiero degli Stambecchi" über den Sasso Lanzone. Eine eindrucksvolle Panoramaroute, die jedoch unbedingt Trittsicherheit und Bergerfahrung verlangt. Der Weg führt anfangs durch das Gebiet der Schafalpe Prüsfa, dort werden Herdenschutzhunde eingesetzt. Der Standardweg zur Capanna Bovarina ist eine einfache Talroute.

Tief im Schatten liegend wirkt die hohe Wand des Sasso Lanzone am Vorabend von der Hütte aus betrachtet sehr abweisend. Am Morgen bescheint die Sonne freundlich das Gelände und wir wollen unser Glück versuchen. Erst steigen wir ein gutes Stück ab zum Parkplatz am Pian Geirètt (2.012 m), um dann einzuschwenken in den Pfad zum Pass d’Uffiern. Im Almgelände ist die Steigung meist moderat. Weiter oben gibt es teils etwas flachere Böden, aber auch kurze Steilaufschwünge, zunehmend schuttig und felsig, hier und da mit Drahtseilen gesichert, mitunter mühsam. Mit dem Übergang am Pass d'Uffiern (2.628 m) gelangen wir in die alpine Fels- und Schuttarena des Val d'Uffiern, das sich zwischen Piz Cristallina (3.128 m) und Cima di Garina (2.780 m) ausdehnt.

Am kleinen Militärposten vorbei folgen wir der sehr gut markierten Trittspur zunächst quer durch den westseitigen Hang, um schließlich zum Gipfelgrat des Sasso Lanzone zu gelangen. Die Schutthalde wird zur Blockhalde, die Blöcke werden immer größer und liegen wild durcheinander. Die Ostflanke ist ein Steilabbruch mit 1.500-m-Tiefblick nach Campo Blenio. Die westseitige Blockhalde fällt nur mäßig steil ab und dort hindurch führt die markierte Route, meist genügend Abstand vom Grat haltend aber duchaus etwas kraxelig. Immer schmaler wird der Grat und wir tasten uns mit Händen und Füßen voran, direkt am Alpenhauptkamm. Rechterhand gehört das Val Cristallina zum Quellgebiet des Vorderrheins und linkerhand fließt das Wasser dem Ticino und damit dem Po und der Adria zu. Im Südosten markiert das gletscherglänzende Rheinwaldhorn das Quellgebiet des Hinterrheins.

Kurz vor dem höchsten Punkt des Grats (2.826 m) und an seiner schmalsten Stelle knickt der Weg plötzlich nach links ab und führt jäh hinunter in die Ostflanke: kurze Verwunderung, bis wir den sorgsam ausgebauten und versicherten Steig erkennen, der uns sicher durch das hier ausgesetzte Gelände leitet, die einzige Passage mit echter Absturzgefahr.

Zunehmend dichtere Wolken ziehen auf und wir steigen zügig weiter ab in Richtung Lago Retico (2.372 m) vor der Kulisse des Scopi und über die weite Bergweide von Cètt Buair bis ins Val d'Inferno (1.964 m). Nach den starken Landschaftsbildern am Vortag in der Greina bietet dieser Wegeabschnitt, bis auf die Aussicht, wenig Abwechslung, wirkt bisweilen eintönig und ermüdend: der obere Teil ist meist öde Felssteppe, im unteren Teil wühlen sich steile, ausgespülte Pfade durch das Almgelände. Aber unten erwartet uns die idyllisch gelegene Capanna Bovarina (1.870 m).

TC2 | T3+ | Tourdetails + Fotos Schlechtwetterroute: ab Pian Geirètt auf bezeichnetem Pfad weitgehend abseits der Straße nach Campo Blenio absteigen (oder Wanderbus benutzen), dann, teils auf dem Alm-Fahrweg, durch den Wald wieder hinauf zur Cap. Bovarina.

Hinweis Sentiero degli Stambecchi/Steinbockweg: Der ursprünglich weiß-blau markierte Weg (Alpine Route, T4) ist inzwischen als rot-weiß-markierter Bergwanderweg (T3) ausgewiesen, weil alle kritischen Stellen mit fixen Seilen oder Tritten versehen und die wenigen etwas ausgesetzten Stellen somit deutlich entschärft wurden. Dennoch sollte eine Begehung nur bei hinreichender Bergerfahrung unternommen werden: der Aufstieg ist anstrengend, das grobe aber griffige Blockgelände am Grat des Sasso Lanzone und der unmittelbare, etwas bodenlose Abstieg vom Grat sind nicht jedermanns Sache. Auch die im Flyer zum Steinbockweg angegebene Gehzeit von 5 h erscheint, insbesondere für Weitwanderer mit großem Rucksack, illusorisch. Von 6 bis 7 h von Hütte zu Hütte sollte man ausgehen (so auch die Auskunft auf der Cap. Scaletta). Es bleibt der Eindruck, dass man einen anspruchsvollen Bergwanderweg etwas einfacher darstellt, als er tatsächlich ist, und zu sehr für jedermann anpreist, um für eine Belebung der Bovarinahütte zu sorgen. Die Hütte selbst hat das unbedingt verdient und der Steinbockweg ist eine wunderbare Bereicherung jeder Trekkingtour - aber eben nicht völlig harmlos, wie offiziell suggeriert wird.